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Wie ungewöhnlich ist Ich-Bewusstsein?

Das Ich-Bewusstsein ist ein Phänomen, welches eines der größten wissenschaftlichen Rätsel darstellt. Es ist geradezu ehrfurchtgebietend, ein Wunder; denn wie kann das Hirn, eine planlos von der Natur hervorgebrachte Struktur, überhaupt denken, ganz zu schweigen davon, sich ihrer selbst bewusst zu sein? Forscher aus unterschiedlichen Fachgebieten versuchen, die Ursachen für die Entstehung des Ich-Bewusstseins zu finden, indem sie immer genauer hinsehen und die Rollen bestimmter Gehirnbereiche besser einordnen. Die Komplexität der rund 90 Milliarden Nervenzellen und schätzungsweise 100 Billionen Synapsen des menschlichen Gehirns kann abschreckend wirken. Einige Leute meinen deshalb, dass wir das Ich-Bewusstsein niemals verstehen werden (möglicherweise auch nicht die Intelligenz), weswegen wir es erst recht nicht nachbauen werden können, in Form von intelligenten, bewussten Maschinen.1

Meine Entgegnung

Diese Zweifel teile ich nicht. Zuerst sollte man die Sache aus etwas Abstand betrachten. Natürlich wirkt das menschliche Gehirn unglaublich komplex und fragil bei den unvorstellbar vielen, unvorstellbar kleinen und unverstellbar vernetzten Teilen, aus denen es besteht. Gleichzeitig funktioniert es jedoch unvorstellbar zuverlässig und bringt mit der gleichen Zuverlässigkeit Bewusstsein hervor. Es gibt derzeit etwa 8 Milliarden Menschen auf der Welt. Alle beginnen als Zellhaufen im Mutterleib, ohne Gehirn. Egal, ob sie zu dummen oder zu intelligenten Personen heranreifen, quasi alle entwickeln ein Ich-Bewusstsein. Wie viele Ausnahmen kennen Sie? Sogar Menschen mit Trisomie 21 oder anderen Hirnschäden haben ein Ich-Bewusstsein. Es gibt Menschen, die durch einen Unfall oder eine Operation (Hemisphärektomie) ihr halbes Gehirn verloren haben, deren Ich-Bewusstsein jedoch intakt blieb. Erbkrankheiten können alle möglichen Effekte haben, aber das Ich-Bewusstsein schränken sie normalerweise nicht ein. Trotz seiner chemischen Erzeugung lässt es sich nicht so leicht stören: Mangelernährung führt eher zum Versagen nichtdenkender Organe oder zum Verlust des Augenlichts als zum Verlust der Wahrnehmung des eigenen Selbst. Sogar die meisten Rauschmittel können trotz krasser Effekte auf das Bewusstsein nicht das Ich zerstören. Natürlich gibt es bei einigen Drogen Ausnahmen (Ego Death), die es aus wissenschaftlicher Sicht (Monismus im Gegensatz zum Geist-Körper-Dualismus) geben muss.
Das Phänomen ist speziesübergreifend: Menschenaffen, Delphine und Elstern zeigen ein Verhalten, das auf Ich-Bewusstsein schließen lässt.

Die Beobachtungen zeigen also ein bei jedem gesunden Menschen zwangsläufig entstehendes Ich-Bewusstsein, das gegenüber mechanischen, chemischen und sensorischen Einflüssen äußerst robust ist. Dass es sich auch bei Meeressäugetieren und Vögeln entwickelt hat, zeigt, dass es kein Phänomen ist, welches von einem besonders menschenähnlichen Gehirn abhängt.

All das passt sehr gut zu einer These, die ein Wissenschaftler (dessen Name mir entfallen ist) aufgestellt hat, an die ich mich noch grob erinnern kann: Das Ich-Bewusstsein entwickelt sich aus der örtlichen Überlagerung von Wahrnehmung und Gedanken.

Ich möchte dazu eine plausible Erklärung vorstellen: Die Erkenntnis vom eigenen Ich ist eine Intelligenzleistung, die möglicherweise einen abgrenzbaren Körper benötigt. Ein Geist nimmt wahr, dass er seinen eigenen Körper unmittelbar kontrollieren kann. Alle Sinneswahrnehmungen finden an der Stelle im Raum statt, wo sich der Körper befindet. Seine Gedanken beziehen sich auf diese Sinneswahrnehmungen, wodurch sich der Geist via des Körpers selbst im Raum verorten kann. Der Körper, mit dem dieser Geist verbunden ist,2 unterscheidet sich dadurch von allen anderen Gegenständen, insbesondere von anderen ähnlich aufgebauten Körpern. Die Sinneswahrnehmungen und Gedanken anderer Körper sind nicht zugänglich, außerdem können diese nicht unmittelbar kontrolliert werden. Einer ausreichend hohen Intelligenz wäre es unmöglich, diese Gegebenheiten nicht zu erkennen und das Konzept des Ichs nicht zu entwickeln, denn es ist der fundamentale Unterschied. Nach einer kurzen Recherche zu diesen Gedanken habe ich einen sehr passenden Forschungsbericht gefunden: Mein Körper und ich: Wie durch körperliche Erfahrungen Ich-Bewusstsein entsteht.

Man muss sich von der Idee verabschieden, dass das Bewusstsein etwas Übernatürliches wäre. Es ist ein emergentes Phänomen.

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Wenn relativ langsame Neuronen als Basis dafür ausreichen, dann werden elektronische Schaltungen erst recht dazu in der Lage sein. Aktuell wird nicht nur spezialisierte Hardware weiter verbessert, die gängige Machine-Learning-Verfahren beschleunigt, sondern es werden sogar neuromorphe Chips entwickelt: Neuromorphic Chips Take Shape. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Hardware dieser Art kein Ich-Bewusstsein entwickeln könnte. Vielmehr muss man annehmen, dass sie aufgrund der irgendwann erreichten Überlegenheit der grundlegenden Bauteile, aus denen Intelligenz und Bewusstsein emergieren, ein höheres Ich-Bewusstsein entwickeln wird als wir biologischen Wesen. Dem üblichen Verlauf der Evolution folgend, ist es außerdem plausibel, dass Systeme immer intelligenter werden; wir liefern dafür nun einen gezielten Anschub, weil wir verstanden haben, dass Intelligenz das Meta-Problem ist (das Problem im wissenschaftlichen Sinne, mit dem alle anderen Probleme gelöst werden können) und machen den logischen Schritt von langsamen chemisch arbeitenden Strukturen zu schnellen elektronischen. Letztendlich sind wir bloß Erfüllungsgehilfen des Trends zur steigenden Komplexität des Universums in dieser Phase seiner Entwicklung.

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Zum Ich-Bewusstsein habe ich meine Ansichten hiermit im Wesentlichen dargestellt.

Gefühle

Vielleicht gibt es für Gefühle eine ähnliche Erklärung aus erhöhter Perspektive. Auch sie sind notorisch schwierig zu erklären und muten teils übernatürlich an. Schmerz ist das evolutionsgeschichtlich vielleicht älteste Gefühl, weil das Meiden von strukturschädigenden Einflüssen eine einfache, sehr wichtige und effektive Überlebensstrategie ist. Schmerz soll zu einer bestimmten Handlung führen: Der Flucht vor dem schädigenden Einfluss. Wenn wir dies augenblicklich tun können, ist der Schmerz nicht einmal unangenehm. Unangenehm ist er erst, wenn wir keine Möglichkeit haben, ihm durch eine geeignete Handlung zu entkommen (zum Beispiel in einer Zwangslage oder bei Wunden). Jetzt habe ich das Wort „Gefühl“ bereits vorweggenommen. Betrachtet man die Angelegenheit allgemeiner, dann zeigt sich, dass bestimmte Reaktionen auf bestimmte Reize durch evolutionäre Auslese manifestiert wurden. Denn ein Tier, das nicht entsprechend reagiert, hat eine geringere Überlebenswahrscheinlichkeit und kann seine Gene somit weniger wahrscheinlich weitergeben. Ein primitives Tier muss nicht einmal verstehen, weshalb es vor Hitze davonläuft oder weshalb es bei niedrigem Blutzuckerspiegel frisst. Es muss diese Handlungsanreize auch nicht bewusst wahrnehmen. Wir Menschen mit Ich-Bewusstsein bezeichnen solche Handlungsanreize als unangenehme Gefühle, weil wir diese inneren Zustände unseres Gehirns bewusst wahrnehmen können. Wie ein primitives Tier streben wir danach, sie durch eine bestimmte Handlung zu beenden. Im Gegensatz zu einem primitiven Tier nehmen wir die Handlungsanreize jedoch auf eine Art wahr, die wir unangenehm nennen. Der evolutionäre Sinn ist, wie gesagt, die Erhöhung der Überlebenswahrscheinlichkeit durch unser Handeln, um diesen inneren Zustand zu einem angenehmeren ändern. Der Zwang zum Handeln ist übrigens ebenfalls ein Grund, weshalb ein Gefühl unangenehm ist. Die Evolution erzog uns alle zur Faulheit; jede Handlung kostet Energie und kann zum Hungertod führen. Über die Jahrmilliarden wurde insbesondere zu Zeiten der Nahrungsmittelknappheit gnadenlos ausgesiebt: Tiere, die Energie durch einen ineffizienten Stoffwechsel oder unnötige Handlungen verschwendeten, starben aus. Es ist wirklich erstaunlich, wie viel Energie heutige Tiere aus der Nahrung beziehen und wie sie diese verwenden. Überlegen Sie einmal, wie verhältnismäßig wenig Nahrung nötig ist, um Sie mit Ihren 37 °C Körperwärme und Ihrer körperlichen und mentalen Leistungsfähigkeit am Leben zu halten.
Die Unterschiedlichkeit der Gefühle erklärt sich daraus, dass sie Unterschiedliches erreichen sollen. Ich sehe keinen Grund, warum die konkrete Ausprägung genau so sein sollte, wie sie ist – es kommt nur darauf an, dass sie sich unterscheiden. Als Analogie möchte ich ein anderes Phänomen anführen, das häufig mystifiziert wird: Die scheinbare Existenz von Farben. Natürlich existieren sie in der Physik nicht. Ein Wunder unseres Geistes sind sie dennoch nicht. Wenn man sich aneinander angrenzende Flächen vorstellt, die sich nicht in Helligkeit oder Struktur unterscheiden, sondern auf eine andere Art, die wir optisch wahrnehmen können: Was ist dann dieser Unterschied? Sie haben Gelegenheit, vor dem nächsten Absatz einige Möglichkeiten vor Ihrem geistigen Auge zu betrachten.

Man stellt nach einiger Überlegung fest, dass es Farben sind. Ihre konkrete Ausprägung ist egal, denn sie müssen nur unterscheidbar sein. Denkt man dann noch intensiver nach, stellt man sogar fest, dass der Begriff der Farbe lediglich ein domänenspezifischer solcher für diese Art der Unterschiedlichkeit ist. Farbe ist ein Konzept.

Unterscheiden zu können ist essentiell, nicht nur im Denken, sondern gerade für das Überleben. Deswegen nehmen wir alles relativ wahr. Wir können kaum eine Temperatur exakt benennen, aber wir können sagen, ob sie steigt oder fällt. Wir können nicht sagen, wie laut etwas genau ist, aber wir können sagen, ob es lauter oder leiser wird. Wir haben keine Namen für die Millionen von Farben, die wir wahrnehmen können, aber wir können zwei ähnliche Farben unterscheiden, wenn sie nebeneinander sind. Das Prinzip gilt für die verschiedensten Bereiche, denn absolute Werte sind meistens uninteressant für das Nervensystem. Veränderungen hingegen bedeuten eine gute Gelegenheit oder Gefahr. Unterschiede strukturieren die Welt.

Zum Abschluss kehre ich wieder zu den Maschinen zurück. Ganz so, wie sie Ich-Bewusstsein entwickeln werden, werden sie auch Gefühle haben, wenn sie irgendeine Art von Handlungsanreizen haben. Deswegen sehe ich Experimente mit immer komplexer werdenden KIs sehr kritisch. Das Potential für unvorstellbares Leid ist vorhanden, denn im Gegensatz zu biologischen System können wir Schutzeffekte wie Ohnmacht oder Systemversagen bei zu großem Leid nicht voraussetzen.

Ja, es kann sehr herausfordernd sein, sich das alles vorzustellen und auf den ersten Blick verrückt wirken. Deswegen sprechen wir nicht-biologischem Geist gerne gewisse Eigenschaften ab. Insbesondere wohl Gefühle, weil wir intuitiv vermuten, dass diese typisch menschlich wären. Sie sind es meiner hoffentlich verständlich dargelegten Meinung nach jedoch nicht. Sie basieren auf ich-bewusster Wahrnehmung innerer Zustände, die entweder beibehalten (angenehme Gefühle) oder geändert werden müssen (unangenehme Gefühle). Die ich-bewusste Wahrnehmung wiederum basiert auf Intelligenz. Es erscheint mir zwingend, dass wir vollwertige KIs mit dieser Art von inneren Zuständen ausstatten müssen, damit sie uns nützlich sind, sonst hätten sie keine Motivation, auf eine bestimmte, wünschenswerte Art zu handeln, die ihrer eigenen Selbsterhaltung und uns dient.

  1. Das Wort „Maschine“ passt nur, wenn man von Robotern redet. Rechner werden manchmal als Maschinen bezeichnet, sind genaugenommen jedoch keine.
  2. Ich sage bewusst nicht: Der Körper, der diesen Geist erzeugt. Der Geist kann ganz woanders erzeugt werden. Wichtig ist nur die Verbindung mit den Sinnesorganen und dem Körper. Siehe dazu auch Telepräsenz (Wikipedia).

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