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SARS-CoV-2: Mit „flatten the curve“ ist es nicht getan

Nachdem der Anstieg der exponentiellen Kurve der bestätigten Infektionen in Italien – und neuerdings auch in Deutschland – geringer wird, scheinen viele Menschen davon auszugehen, dass es nun überstanden sei und bald wieder vorsichtig zum Alltag übergegangen werden könne. Immerhin kann man bei einer Krankheit mit so hoher Kontagiosität ohnehin nicht verhindern, dass sich 50 – 70 % der Leute anstecken, aber bei einer flacheren Kurve bleibt wenigstens die Überlastung der Krankenhäuser aus. Eine planvolle Durchseuchung zur Erzielung der Herden-Immunität wird hier und da sogar beworben. Das ist wahrlich keine gute Idee, und zwar aus folgenden Gründen:

  1. Siehe Artikel 2, Absatz 2 des Grundgesetzes: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. […] In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.“. Der Wert dieser Rechte wird vermutlich jedem deutlich. Wer sich dennoch für eine Durchseuchung ausspricht, steht zumindest mit diesem sehr wichtigen Gesetz in Konflikt. In ethischer Hinsicht verfolgt er eine Art kalt kalkulierenden Utilitarismus, denn er erzielt den Nutzen für Viele (Herden-Immunität) und nimmt dafür unzumutbares Leid (Krankheit, Tod oder dauerhafte Schäden) Weniger in Kauf. Natürlich steht dies nicht nur mit der Universalität und Unveräußerlichkeit der Menschenrechte (dazu zählt die körperliche Unversehrtheit ebenfalls) in Konflikt, sondern auch mit den starken Individualrechten unseres demokratischen Rechtsstaates.
  2. Es gibt auch bei medizinischer Versorgung nach den üblichen Standards1 einen einstelligen Prozentsatz an Toten unter allen Infizierten. Dies wäre auch bei utilitaristischen Neigungen zu viel. Bei 70 % Infizierten und lediglich einem Prozent an Toten wären das 581.000 Tote in Deutschland.
  3. Eine gezielte Durchseuchung, die das Gesundheitssystem nicht überlastet, würde einige Jahre dauern. Sollte tatsächlich diese Durchseuchung die Lösung sein, dann wären wir also noch Jahre von der Lösung entfernt und müssten die aktuellen Schutzmaßnahmen, die unsere Lebensqualität stark einschränken, für diese Dauer aufrecht erhalten.
  4. Eines hat sich aktuell kaum herumgesprochen: Es gibt auch bei mildem Krankheitsverlauf das Risiko, eine Lungenfibrose zu bekommen. Diese mindert dauerhaft die Lungenfunktion um 20 – 40 %. Selbst Gehen bringt einen dann schon außer Atem, von Treppensteigen oder sonstigen Aktivitäten ganz zu schweigen. Der betroffene Prozentsatz ist mir nicht bekannt, aber offenbar ist er auffällig. Abgesehen von dem verursachten individuellen Leid hätte die Gesellschaft schwer zu tragen an den vielen beeinträchtigten Personen. Dass die nächste schwere Atemwegserkrankung für solche Leute wahrscheinlich tödlich ist, kommt noch hinzu. Siehe hierzu auch: Karl Lauterbach zu Corona: Die Bevölkerung schätzt die Lage falsch einZitat: ‚„Wir können nicht sagen, ob sich die massiven Veränderungen der Lunge irgendwann wieder zurückbilden – oder ob es sogar noch schlimmer wird.“ Die vorliegenden Befunde seien jedenfalls alarmierend. Die Wahrnehmung, dass starke und gesunde Menschen vom Coronavirus fast nichts zu befürchten hätten, sei eine gefährliche Mär.‘
  5. Selbst bei Herden-Immunität gibt es noch ausreichend häufig Ansteckungen aufgrund der im Vergleich zur Grippe höheren Ansteckungsrate. Eine Wandlungsfähigkeit des Virus wie bei der Grippe kann noch nicht ausgeschlossen werden (bei Grippewellen erwischt es 10 – 20 % der Bevölkerung). Aufgrund der hohen Infektionswahrscheinlichkeit und der ebenfalls recht hohen Wahrscheinlichkeit, an der Krankheit zu sterben oder die im vorherigen Punkt angesprochenen Lungenschäden davonzutragen, kann der Alltag auch bei Herden-Immunität nicht wieder einkehren.
  6. Die Langzeitfolgen einer Infektion sind unbekannt. Dies gilt insbesondere für die Lungenschäden.
  7. Es gibt Viren, die bei einer Zweitinfektion gefährlicher sind. Die zweite und dritte Welle der Spanischen Grippe beispielsweise waren verheerender als die erste: „Die erste Ausbreitungswelle im Frühjahr 1918 wies keine merklich erhöhte Todesrate auf. Erst die Herbstwelle 1918 und die spätere, dritte Welle im Frühjahr 1919 waren mit einer außergewöhnlich hohen Letalität verbunden.“ (Wikipedia)
  8. Großbritannien gibt ein warnendes Beispiel ab: ‚Sie [Aufbau der Herden-Immunität] würde, wie nüchtern in dem Papier steht, zu hunderttausenden Todesfällen führen, selbst dann, wenn es gelänge, besonders gefährdete Gruppen zu isolieren. „Die Strategie der Abschwächung funktioniert nicht mehr, die einzige Alternative ist Unterdrückung“ der Krankheit. Ein Schluss, zu dem zahlreiche andere europäische Staaten bereits vor einigen Wochen gelangt sind‘. (derstandard.at)

Was bleibt dann noch?

Normalität kann erst wieder einkehren, wenn dem Virus der Schrecken genommen ist. Dies kann vermutlich nicht durch einen Impfstoff geschehen, aber durch ein wirksames Medikament oder durch die Ausrottung des Virus. Die letzte Möglichkeit wäre die beste.

Fußnoten

  1. Ich schreibe bewusst nicht: „bei optimaler medizinischer Versorgung“, denn so etwas haben wir in der Regel nicht.

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