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Der Cybertruck von Tesla ist eine Zäsur

Wenn ich versuche, mich zu erinnern, wann zuletzt das Design eines Serienfahrzeuges annähernd für so viel Aufsehen gesorgt hat, dann fällt mir bestenfalls der New Beetle ein.1 Und das ist schon 22 Jahre her. An zweiter Stelle folgt vermutlich der Fiat Multipla. Der Rummel war nicht so groß, jedoch herrschte zum großen Teil die Meinung vor, dass er das hässlichste Auto aller Zeiten sei.

In der Präsentation wurde vermittelt, dass hinter dem Design des Cybertrucks hauptsächlich eine bestimmte Idee steckt: Es anders zu machen.

 

Das ist eine Idee, die bei mir großen Anklang findet. Seit vielen Jahren werden auf Automessen Concept Cars vorgestellt, deren Design etwas von der Norm abweicht und sehr gut ankommt. Diese Autos werden dann trotzdem nicht gebaut. Gerade, wenn man bedenkt, was für ein Lifestyle-Produkt ein Auto für viele Menschen darstellt, ist es schwer zu verstehen, warum auf den Straßen eine solche Eintönigkeit herrscht. Abweichungen von der Norm sind klein, und selbst diese sind normiert: Für ein Auto, das anders sein soll, ist es normal, die Lichter oder den Kühlergrill anders zu gestalten.

Ein notwendiger Keil

Der Cybertruck ist ein notwendiger Keil (buchstäblich und bildlich), der in die Gesellschaft gerammt wird (bildlich). Ein stark von der Norm abweichendes Design ruft starke Reaktionen hervor. Ob das Design gut oder schlecht ist, scheint zwar der prominenteste Streitpunkt zu sein, ist aber weniger relevant als seine Faktizität. Es könnte der Startschuss dafür sein, dass Autos das Lifestyle-Versprechen endlich einlösen, das in der Werbung für sie gemacht wird. Bisherige Autos kranken an ihrer Langweiligkeit, die in der Werbung dadurch ausgeglichen werden muss, dass sie durch eine aufregende Gegend fahren oder waghalsige Fahrmanöver machen. Das Fahrzeug selbst bleibt öde und fügt sich in die Garage gut ein. Der Cybertruck ist meines Wissens das erste Serienfahrzeug, das die Fantasie, die bei anderen Autos nur durch Werbung vermittelt werden kann, in sich trägt. Es ist die Fantasie einer Cyberpunk-Dystopie, die durch seinen Namen, durch den Stil der in der Präsentation aussteigenden Personen und durch seine Kugelsicherheit gezielt bestärkt wird.

In seiner Gesamtschau wirkt das alles irreal – das Geschehen, das Konzept und Musks Strategie. So, als sollte in einem Film ein verrückter Tech-Millardär dargestellt werden, und als sei die Enthüllung dieses Fahrzeuges ein wichtiger Punkt im Plot des Films. Dies kann jedoch auch in unserer Realität der Fall sein. Evolutionsgeschichtlich lässt sich beobachten, dass starke Umweltveränderungen die Entwicklung beschleunigen. Der Cybertruck selbst ist zwar nicht eine solche Umweltveränderung, sollte er jedoch Erfolg haben, könnte dies Konsequenzen für den Automobilmarkt haben – und das wäre eine Umweltveränderung für alle Autohersteller.

Die Strategie

Es wird manchmal gesagt, dass ein elektrisches SUV oder ein elektrischer Truck Unsinn seien, weil ein kleines Elektro-Auto doch umweltfreundlicher sei. Macht man sich allerdings Gedanken darüber, wie die hauptsächlich aus Verbrennern bestehende Autolandschaft elektrisiert werden soll, dann wird man erkennen, dass das kleine sparsame Elektro-Auto bei Leuten, die SUVs oder Trucks kaufen, keine Chance hat. Ein elektrisches SUV oder ein elektrischer Truck, der sein Verbrenner-Gegenstück ersetzt, ist für die Umwelt besser als ein nicht verkauftes kleines E-Auto. Musks Strategie ist es, elektrische Fahrzeuge zu bauen, die besser sind als ihre Verbrenner-Gegenstücke. Er hat dies beim Sportwagen geschafft, dann beim familientauglichen Kombi, bald folgt das SUV (Model Y), dann der Truck. Neben infrastrukturellen Gründen war bisher der Preis das größte Hindernis. Beides wird sich bald erledigt haben.2 Letztendlich soll das E-Auto in jeder Hinsicht dem Verbrenner überlegen sein, wodurch sein Kauf zwingend wird.

Ganz im Sinne dieser Strategie beschleunigt der Cybertruck von 0 auf 100 km/h in etwa drei Sekunden, zieht etwa 6,3 Tonnen, hat eine 2 Meter lange Ladefläche (mehr als die drei meistverkauften Trucks) und ist mit seinem unlackierten gewalzten Stahl unempfindlicher gegen Steinschlag. Außerdem hat er eine Steckdose im Heck, mit dem Kleinfahrzeuge geladen werden können, einen Kompressor, ein vielseitiges System zur Ladungssicherung, ein elektrisches Verdeck für die Ladefläche und eine ausfahrbare Rampe. Die kantige, unlackierte Karosserie dient übrigens auch dem Senken der Herstellungskosten, ist also dem Ziel der Elektrifizierung dienlich. Besonders interessant, weil es vielleicht nicht zu erwarten wäre: Die Sitze sind extrem bequem. Quinn von SnazzyLabs behauptet, dass sie  sogar die bequemsten Sitze, die er bisher kannte, beschämen würden. Der Preis des Grundmodells soll 39.900 USD betragen.

 

Fußnoten

  1. Ironischerweise bestach dieser durch besonders runde Formen.
  2. Das Preisargument haben Elektroautos bereits gewonnen, wenn man die Kosten über mehrere Jahre betrachtet. Dabei spielt nicht nur die günstigere Energieform eine Rolle, sondern auch die Kaufprämie und die geringeren Kosten für Wartung und Reparatur.

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