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Meine Einstellung zu Fremdwörtern

Nachteile der Verwendung von Fremdwörtern

Wer viele Fremdwörter verwendet, steht häufig im Ruf, arrogant zu sein oder den Anschein von Intelligenz oder Bildung erwecken zu wollen. Falls eine solche Abneigung vorliegt, ist der Grund ein verletzter Stolz des Adressaten,1 der sich aufgrund seines augenscheinlich kleineren Wortschatzes als der weniger Belesene und weniger Gebildete wähnt.

Ein weiterer Grund, weshalb Menschen, die intensiven Gebrauch von Fremdwörtern machen, mit Feindseligkeit rechnen müssen, ist der, dass sie den Verdacht erwecken, gar nicht verstanden werden zu wollen, weil sie die Adressaten bewusst täuschen wollen. Auch ich kenne solche Fälle, meist in Form von Artikeln über Kunst, die trotz Inhaltsleere und Sinnlosigkeit das besprochene Kunstwerk mit dem Schein der Bedeutsamkeit2 versehen sollen. Ansonsten begegnet einem solcherlei Missbrauch von Fremdwörtern, gepaart mit verschachtelten Sätzen und obskurer bis obskurantistischer Argumentation, in theologischen und soziologischen Texten (letztere meist tendenziöse Zeitungsartikel von politisch rechten oder linken Redakteuren).

Trotz ihres deutlich erkennbaren Hangs zur Täuschung verwenden Politiker typischerweise eine einfache Sprache. Sie möchten einen großen Teil der Bürger erreichen und die öffentliche Meinung mit einfachen Phrasen dirigieren. Entscheidend für die Täuschung ist, dass sie ihre Worte mit Bedacht so wählen, dass sie unverbindlich sind und auf vielerlei Art ausgelegt werden können. Im Gegensatz zu einer fremdwortreichen Rede liegt die Gefährlichkeit ihrer einfachen Sprache nicht darin, dass das so Gesagte gar nicht verstanden würde – dies wäre dem Adressaten wenigstens bewusst –, sondern dass der Adressat den Eindruck hat, es richtig zu verstehen, obwohl er lediglich unbewusst eine ihm naheliegende Interpretation wählt. Sollte der Politiker später auf Basis dieser Interpretation zur Verantwortung gezogen werden, so kann sich dieser unter Ausnutzung der Mehrdeutigkeit seiner Worte aus der Angelegenheit geschmeidig herauswinden – die Genauigkeit von Fremdwörtern hätte dies sehr erschwert oder verhindert.
Wenn Fremdwörter in der Politik verwendet werden, geschieht dies fast immer in Form von Kampfbegriffen, die dann über Monate oder Jahre verwendet werden. Dauerbrenner sind zum Beispiel Populismus und Instrumentalisierung, die sich die politischen Lager unermüdlich gegenseitig vorwerfen, etwas neuer ist Gentrifizierung.

Das Positive an Fremdwörtern

Ob man sich den Spaß an Fremdwörtern aus oben genannten Gründen so verleiden lässt und ihren Verwendern mit Feindseligkeit begegnet, liegt hauptsächlich an einem selbst. Diese Feindseligkeit ist besonders heute eine ganz besonders überflüssige. Gerade bei der Lektüre fremdwortreicher Texte kann man heute mittels Internet die Bedeutung der Wörter nachschlagen und zugleich sein Wissen und seinen Wortschatz erweitern. Dies ist einer der Gründe – ein ganz praktischer – aus dem ich gerne Texte mit vielen Fremdwörtern lese. Was manchen also Leid beschert, beschert mir Freude, da es einen positiven Aspekt hat, der, wie ich finde, überwiegt. Der andere Grund ist ein ästhetischer. Für mich sind Fremdwörter das Salz in der Buchstabensuppe. Wer seit Jahrzehnten schon Konsument der deutschen Sprache ist, der kann sich irgendwann sattgehört und -gelesen haben. Die Sprache der meisten Bücher langweilt mich mittlerweile. Wählt man hingegen die richtigen Bücher aus, entdeckt man Leckerbissen wie äquivok, Anakoluth, exuberant und Häresiarch, die den Appetit wieder anregen.

Dass Fremdwörter eine genauere Ausdrucksweise ermöglichen, wurde genannt, ist offensichtlich und bedarf eigentlich keiner weiteren Erwähnung. Doch auch in den Fällen, wo sie aus semantischer Sicht unnötig wären, haben sie ihren Wert, denn sie können eindringlicher und einprägsamer sein. Wer zum Beispiel betont, wie arbiträr etwas ist, der hebt die Beliebigkeit viel stärker hervor. Gleichzeitig kommt einem die Aussprache entgegen: Das Wort arbiträr lässt sich viel besser gedehnt aussprechen als beliebig und hat nicht ganz so zahme Vokale; insbesondere dem är kann ein geübter Sprecher eine bemerkenswerte, fast schon unangenehme Penetranz verleihen.3

Menschen, die viele Fremdwörter verwenden, stehe ich also ganz und gar nicht feindselig gegenüber. Selbstverständlich nehme ich wahr, dass ich im Vergleich zu manchen Autoren einen kleineren Wortschatz habe, insbesondere einen kleineren aktiven. Doch ist dies nicht ehrenrührig. Ich freue mich über die Gelegenheit, zu lernen und den Genuss des speziellen, ungewöhnlichen Wortes.

Bei der Verwendung von Fremdwörtern in diesem Artikel habe ich mich übrigens bewusst zurückgehalten. Ihre exuberante Verwendung wäre natürlich verlockend gewesen – und irgendwie meta.

Fußnoten

  1. Zu Sender und Adressat siehe Wikipedia: Adressat_(Linguistik)
  2. oder auch: mit dem Halo der Importanz.
  3. Typischerweise sind dies österreichische Kellner in sehr hochpreisigen Lokalen.

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