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Technik: Vom Wunderglauben zum Verständnis und zurück

In der Werbung auf Spotify habe ich mal gehört: „Assistenzsysteme arbeiten im Rahmen ihrer Systemgrenzen.“
Arbeitet nicht jedes System im Rahmen seiner Grenzen? Das gilt ja sogar für menschliche Fahrer.

Ad hoc fallen mir folgende Fehlannahmen ein, die diesen Hinweis mutmaßlich erfordern könnten:

  1. Assistenzsysteme können außerhalb ihrer Systemgrenzen arbeiten.
  2. Assistenzsysteme haben keine Systemgrenzen.

Da beides quasi Allmacht implizieren würde, soll der Hinweis wohl eine Antwort auf einen entsprechenden Glauben an die Allmacht der Technik sein. Dies setzt eine irrationale Beziehung zur Technik voraus, deren Verbreitung ich in letzter Zeit beobachte – und nicht nur ich, sondern die Produzenten der Werbung offenbar ebenfalls.

Interessanterweise handelt es sich hierbei um eine Wiederkehr.

Die Technik ist natürlich nur angewandte Naturwissenschaft, weswegen ich auch letztere betrachte, um die Einstellung zur Technik zu klären.

Zu viel früheren Zeiten, als die Mehrzahl der Menschen noch gar kein Verständnis von Naturwissenschaften hatte, gab es bereits diese irrationale Beziehung zur Welt oder zur Technik im Speziellen. Sie fand ihre Ausprägung einerseits in Form von Ablehnung (Anschuldigungen gegen Wissenschaftler und Erfinder wegen Hexerei), andererseits in Form von Verehrung, vorwiegend im medizinischen Bereich, denn Heilung mag jeder, auch wenn er die zugrundeliegenden Gesetze ebensowenig versteht wie der Heiler; Schamanen waren und sind in Naturvölkern sehr hoch angesehen. In der Form von Geistheilung, Auraheilung, Matrixheilung, Quantenheilung etc. – häufig sogar in Form von Fernheilung über die unverstandene Technik wie Internet und Smartphone! – findet dieser Wunderglaube seine moderne Fortsetzung.

Mit der Zeit der Aufklärung schwand die Irrationalität zu großen Teilen. Einen gewissen Wunderglauben an Technik und Wissenschaft hat es – mangels Bildung der kompletten Bevölkerung – immer gegeben, jedoch ging er in dieser Periode erstmals deutlich zurück. Einen kleinen Aufschwung erlebte er mit Beginn des Atomzeitalters, doch die Schrecken des zweiten Weltkrieges verpassten dem Glauben einen Dämpfer. Der wachsenden Macht des Menschen wurde mit großer Skepsis begegnet.

Es dauerte einige Jahrzehnte und erforderte auch das Überstehen das Kalten Krieges, bis die Leute wieder vorsichtig optimistisch wurden. Schon ein paar Jahre vor Ende des Kalten Krieges begann die Computertechnik erschwinglich zu werden und sich unter technikbegeisterten Tüftlern zu verbreiten (die Erfindung des Mikrotransistors machte dies möglich). Nicht nur in der damaligen Popkultur (Beispiel: Perry Rhodan) war die Idee des Elektronengehirns sehr beliebt. Auch viele Wissenschaftler glaubten damals an die baldige Realisierung eines Rechners, der besser denken könnte als Menschen. Dies war kein irrationaler Glaube. Die unerwartete Komplexität des Phänomens Intelligenz ließ diese Hoffnung jedoch bald aussichtslos erscheinen. Für eine kurze Zeit herrschten daraufhin weitgehend realistische Vorstellungen von Technik in der breiten Bevölkerung.

Die Mikroelektronik und die Informatik schritten jedoch voran, und heute befinden wir uns abermals in einer Zeit, in der Technik nicht mehr verstanden wird. Und das kann man niemandem vorwerfen. Das Wissen, das in der Technik eines Smartphones steckt, ist unvorstellbar. Ich gehe davon aus, dass es keinen Menschen gibt, der ein Smartphone komplett versteht. Entscheidend für das heutige Verhältnis zur Technik ist: Die informatischen Systeme in unserem Alltag sind so hoch entwickelt, dass viele Leute das Gefühl haben, den Anschluss verloren zu haben und blind alles glauben müssen, was ihnen über die Technik erzählt wird. Manche tun dies mit Resignation, weil sie wissen, dass der Lernaufwand zum Erreichen eines gewissen Verständnisses zu hoch wäre. Andere nehmen es schulterzuckend hin. Dies sind häufig die Digital Natives, Kinder, die mit Smartphones aufgewachsen sind und für die diese banal erscheinen. So oder so sind diese Personen anfällig für Fehlinformationen über die Technik. Es ist vor allem die Werbung, die falsche Erwartungen weckt und weitaus mehr Fähigkeiten ihrer Produkte suggeriert, als diese tatsächlich haben. Vermutlich musste die eingangs erwähnte Werbung deshalb gegensteuern.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass eine Diskrepanz zwischen Technikverständnis und Fähigkeiten der Technik vorliegen muss, damit Menschen unrealistische Vorstellungen bis hin zum Wunderglauben entwickeln. Früher wurde diese Diskrepanz durch unzureichende naturwissenschaftliche Bildung erzeugt, heute durch die enorme Komplexität der Technik, die auch mit unserer heutigen Bildung kaum noch zu erfassen ist.

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