{"id":882,"date":"2019-10-18T17:37:57","date_gmt":"2019-10-18T16:37:57","guid":{"rendered":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/?p=882"},"modified":"2019-10-18T17:38:52","modified_gmt":"2019-10-18T16:38:52","slug":"die-wiege-des-islam-glen-bowersock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/2019\/10\/18\/die-wiege-des-islam-glen-bowersock\/","title":{"rendered":"Die Wiege des Islam (Glen Bowersock)"},"content":{"rendered":"<p>B\u00fccher arbeite ich f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit dem Notizblock (meist dem virtuellen) in der Hand durch. Um anderen Menschen etwas Zeit zu ersparen, fasse ich mittels der Notizen gerne einige der bemerkenswerteren Teile eines Buches in einem Artikel zusammen.<\/p>\n<p>Bereits im Prolog des vorliegenden Buches wird deutlich, wie akribisch und genau der Autor arbeitet. Die \u00fcber 150 Quellennachweise und Anmerkungen legen davon Zeugnis ab. Nirgendwo weicht Bowersock von seinem sachlichen Ton mit au\u00dferordentlich hoher Informationsdichte ab; die F\u00fclle an Namen von K\u00f6nigen, V\u00f6lkern, Religionen und Orten ist beinahe \u00fcberw\u00e4ltigend. Das Buch macht keineswegs den Eindruck popul\u00e4rwissenschaftlicher Literatur, sondern den einer wissenschaftlichen Arbeit.<span id='easy-footnote-1-882' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/2019\/10\/18\/die-wiege-des-islam-glen-bowersock\/#easy-footnote-bottom-1-882' title='Unterstrichen wird dies durch die Erstauflage bei der Harvard University Press, dem Verbleib des Copyrights bei &lt;em&gt;the President and Fellows of Harvard College&lt;\/em&gt; und der Finanzierung der deutschen \u00dcbersetzung aus einem Fonds.'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> Wie nahezu jede Schilderung historischer Ereignisse wirkt sie ebenso banal wie beliebig\u00a0\u2013 was damals geschah, geschieht heute ebenso, nur mit anderen Namen\u00a0\u2013 auch wenn die Ereignisse den Lauf der Welt beeinflusst haben. So erh\u00e4lt der Leser letztendlich vor allem ein Gef\u00fchl des tieferen Verst\u00e4ndnisses, einige wei\u00dfe Flecken in seinem Weltbild werden geschlossen, und er bewegt sich sicherer auf diesem Gebiet.<\/p>\n<p>Es sind gewisse Fakten, die ich bemerkenswert finde (Quellenangaben beziehen sich auf die 2019 erschienene erste Auflage im Verlag C. H. Beck).<\/p>\n<h2>Allah hatte wahrscheinlich eine Gemahlin<\/h2>\n<p>Sozusagen vorbereitet wird dieses Faktum durch ein anderes: Das arabische Reich war von polytheistischen &#8222;lokalen Paganismen&#8220;<span id='easy-footnote-2-882' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/2019\/10\/18\/die-wiege-des-islam-glen-bowersock\/#easy-footnote-bottom-2-882' title='Im Deutschen gibt es keinen Plural von &lt;em&gt;Paganismus&lt;\/em&gt; (siehe &lt;a href=&quot;https:\/\/www.duden.de\/rechtschreibung\/Paganismus&quot;&gt;Duden&lt;\/a&gt;), im Englischen &lt;a href=&quot;https:\/\/en.wiktionary.org\/wiki\/paganism&quot;&gt;anscheinend schon&lt;\/a&gt;\u00a0(&amp;#8222;countable and uncountable&amp;#8220;). Die \u00dcbersetzung erscheint an dieser Stelle sehr unbek\u00fcmmert und direkt.'><sup>2<\/sup><\/a><\/span> durchsetzt. Allah war also nicht immer der eine, einzig wahre Gott. Bereits im f\u00fcnften vorchristlichen Jahrhundert wurde vom vielzitierten Superstar-Historiker Herodot eine weibliche Form das Namens, Alilat, erw\u00e4hnt. Sp\u00e4ter wurde der Name zu All\u0101t verk\u00fcrzt. Sie war wahrscheinlich eine Gemahlin Allahs.<\/p>\n<h3>Der griechische Polytheismus inspirierte den arabischen Polytheismus<\/h3>\n<blockquote><p>Eine in Palmyra entdeckte Marmorstatue zeigt sie [Alilat] als arabische Athene. Der griechische Polytheismus war f\u00fcr den arabischen Polytheismus ein fruchtbarer N\u00e4hrboden, aus dem immer wieder Gottheiten mit \u00e4hnlicher Funktion und \u00e4hnlichem Erscheinungsbild hervorgingen.<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>Ares<span id='easy-footnote-3-882' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/2019\/10\/18\/die-wiege-des-islam-glen-bowersock\/#easy-footnote-bottom-3-882' title='&amp;#8222;der Gott des schrecklichen Krieges, des Blutbades und Massakers&amp;#8220; (&lt;a href=&quot;https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ares&quot;&gt;Wikipedia&lt;\/a&gt;)'><sup>3<\/sup><\/a><\/span> war der griechische Name f\u00fcr die \u00e4thiopische heidnische G\u00f6ttin Mahrem sowie f\u00fcr den biblischen Ar, der in Erscheinung trat, als aus dem nabat\u00e4ischen Toponym Rabbathmoba Areopolis wurde.<\/p><\/blockquote>\n<p>(S. 37)<\/p>\n<h2>Die Trinit\u00e4t des christlichen Gottes wurde angegriffen<\/h2>\n<blockquote><p>In Sure 4, Vers 171 werden die Christen ausdr\u00fccklich als Volk des Buches (oder &#8222;Buchbesitzer&#8220;) angesprochen [&#8230;]<br \/>\nIn diesen bekannten Versen geht es um das Problem der Trinit\u00e4t, die f\u00fcr jeden Anh\u00e4nger eines neuen Monotheismus Grund zur Besorgnis war: &#8222;Ihr Buchbesitzer! Geht nicht zu weit in eurer Religion, und sagt nur die Wahrheit \u00fcber Gott! Siehe, Christus Jesus, Marias Sohn, ist der Gesandte Gottes und sein Wort, das er an Maria richtete, und ist Geist [<em>r\u016bh<\/em>, Atem] von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten und sagt nicht: &#8218;Drei!&#8216; H\u00f6rt auf damit, es w\u00e4re f\u00fcr euch besser. Denn siehe, Gott ist\u00a0<em>ein<\/em> Gott; fern sei es, dass er einen Sohn habe.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>(S. 67f)<\/p>\n<p>Dieser Text ist auch Teil einer Inschrift, die sich auf der Innenseite des Oktogons des Felsendoms befindet (siehe S. 131).<\/p>\n<h2>Mohammed erkennt in einem Schreiben Jesus als Gottes Sohn an<\/h2>\n<p>Mohammed soll an den K\u00f6nig (<em>negus<\/em>) \u00c4thiopiens Folgendes geschrieben haben:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ich bezeuge, dass Jesus, der Sohn Marias, Gottes Geist und Sein Wort ist. Das Wort, das Er der guten reinen Jungfrau Maria eingab, und aus diesem Wort gebar sie Jesus.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>(S. 69)<\/p>\n<p>Bemerkenswert finde ich auch das Ende des Schreibens, welches wie eine Drohung wirkt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ich fordere dich und deine Soldaten auf, an Allah, den Allm\u00e4chtigen, zu glauben. Ich habe es dir kundgetan und dir einen Rat gegeben, nimm ihn also an. Friede sei mit denen, die dem rechten Weg folgen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>(S. 69)<\/p>\n<h2>Eine kanonische Fassung des Korans wurde versucht<\/h2>\n<blockquote><p>&#8218;Uthm\u0101n ist vor allem als der Kalif bekannt, der eine kanonische Fassung des Korans, eine Vulgata, in Angriff nahm [&#8230;] Die Texte, die f\u00fcr die Rezitation oder Lekt\u00fcre benutzt wurden, waren nicht immer und \u00fcberall dieselben, und dies galt\u00a0\u2013 und gilt bis heute\u00a0\u2013 als eine inakzeptable Ungenauigkeit im Wortlauf der g\u00f6ttlichen Offenbarung. [&#8230;]<br \/>\nEs gelang jedoch nicht, fr\u00fchere Koranexemplare zu vernichten. Palimpseste, die in der Gro\u00dfen Moschee von Sanaa entdeckt wurden, beweisen, dass tats\u00e4chlich Texte aufbewahrt wurden, die \u00e4lter waren als &#8218;Uthm\u0101ns Vulgata.<\/p><\/blockquote>\n<p>(S. 109f)<\/p>\n<h2>Ursprung der Sunniten und Schiiten und ihres Konfliktes<\/h2>\n<blockquote><p>Dieser zweite B\u00fcrgerkrieg der fr\u00fchen islamischen Geschichten hinterlie\u00df bleibende Wunden, da die aufst\u00e4ndische Sekte der Charidschiten, die sich von den Anh\u00e4ngern &#8218;Alis [sic] abgespaltet hatten, an St\u00e4rke gewann. [&#8230;] Sie hatten der Partei &#8218;Al\u012bs (der <em>schi&#8217;at &#8218;<\/em>Al\u012b) abgeschworen, deren Anh\u00e4nger als Schiiten bekannt sind. Dies geschah zur selben Zeit, als die Anh\u00e4nger Mu&#8217;\u0101wiyas, die sich gegen &#8218;Al\u012b und seine Partei gestellt hatten, ihrerseits den Anspruch erhoben, treue H\u00fcter der muslimischen Praxis (<em>sunna<\/em>) des Propheten zu sein. Sie bezeichneten sich als Sunni (oder Sunniten) und bildeten eine weitere einflussreiche Gruppe, die aus dem Aufstand der Charidschiten hervorging. Der zweite B\u00fcrgerkrieg, dessen Parteien aus den Auseinandersetzungen des ersten B\u00fcrgerkriegs hervorgegangen waren, schuf die Bruchlinien zwischen den einander unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcberstehenden Gruppen der Schiiten und Sunniten, deren Feindseligkeiten eine lange und zerst\u00f6rerische Zukunft beschieden sein sollte.<\/p><\/blockquote>\n<p>(S. 117f)<\/p>\n<p>Das war vor \u00fcber 1300 Jahren. Ich frage mich, wie gro\u00df der Anteil unter verfeindeten Sunniten und Schiiten ist, der diese Entstehungsgeschichte kennt. Es ist ebenso erstaunlich wie traurig, dass etwas so Furchtbares wie Feindschaft bis aufs Blut aus so geringen Gr\u00fcnden entstehen und potentiell unbegrenzt lange fortbestehen kann. In der heutigen Welt wirkt ein solcher Konflikt l\u00e4ngst anachronistisch und behindert das weitere Zusammenwachsen der Menschheit. Wie viele Jahre werden zu diesen 1300 noch hinzukommen?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.cnbc.com\/2019\/04\/24\/saudi-arabia-beheads-37-for-terrorism-most-of-them-were-shiites.html\">Saudi Arabia beheads 37 for terrorism crimes, most of them minority Shiites<\/a><\/p>\n<h2>Trennung von Kalifat und Heiligtum f\u00fchrte zu gef\u00e4hrlicher Vielzahl an Glaubensrichtungen<\/h2>\n<blockquote><p>Mit der gefestigten Herrschaft der Umayyaden in Damaskus und danach der Abbasiden in Bagdad wurde Mekka zu dem Ort, in dessen Richtung gebetet wurde, und zum Ziel der\u00a0<em>hadsch,<\/em> der rituellen Wallfahrt. Das politische Zentrum der islamischen Herrschaft jedoch sollte es nie mehr werden. [&#8230;]<br \/>\nKein noch so scharfsinniger B\u00fcrokrat h\u00e4tte f\u00fcr die Zukunft des Islams eine flexiblere Struktur schaffen k\u00f6nnen als die Trennung von Kalifat und Heiligtum (<em>haram<\/em>). Als zentrales Heiligtum der Gl\u00e4ubigen versammelte Mekka die Muslime zum Gebet, doch m\u00f6glich wurde damit auch eine gef\u00e4hrliche Vielzahl unterschiedlicher muslimischer Glaubensrichtungen und Staaten. Was geschehen w\u00e4re, wenn die Umayyaden von Mekka aus regiert h\u00e4tten, bleibt eine der gro\u00dfen offenen Fragen der Geschichte.<\/p><\/blockquote>\n<p>(S. 120)<\/p>\n<h2>Gemeinsamkeiten und Unterschiede der abrahamitischen Religionen<\/h2>\n<blockquote><p>Christen und Juden hatten wenigstens die Bibel gemeinsam, der Koran hingegen war nur den Muslimen heilig. &#8218;Abd al-Maliks Felsendom erhebt sich auf einem Boden, der allen drei gro\u00dfen monotheistischen Religionen heilig ist, aber das Bauwerk verk\u00fcndet nur eine Religion, ohne die M\u00f6glichkeit einer Koexistenz mit den beiden anderen.<\/p>\n<p>Dass Muslime und Juden gemeinsam die christliche Trinit\u00e4tslehre ablehnen und dass das heilige Buch der Juden auch den Christen heilig ist, reichte nicht, um alle Nachkommen Abrahams durch ein gemeinsames Band zu verkn\u00fcpfen. Das hatte zur Folge, dass wir bis heute mit den Unverbeinbarkeiten zu ringen haben, die &#8218;Abd al-Malik mit dem Felsendom in Jerusalem der Welt vermachte. Das, was Mohammed unter dem Namen &#8222;Islam&#8220; der Welt \u00fcbergab, entwickelte sich in einem Milieu, in dem sich Glaubenslehren und -traditionen vermischten, die nicht miteinander vereinbar waren, und daher kann es kaum \u00fcberraschen, dass diese Unvereinbarkeiten auch nach der Entstehung des Islams nicht verschwunden sind.<\/p><\/blockquote>\n<p>(S. 134f)<\/p>\n<figure id=\"attachment_905\" aria-describedby=\"caption-attachment-905\" style=\"width: 1133px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/hinterdemnebel.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Gemeinsamkeiten.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-905 size-full\" src=\"https:\/\/hinterdemnebel.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Gemeinsamkeiten.png\" alt=\"\" width=\"1133\" height=\"1133\" srcset=\"https:\/\/hinterdemnebel.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Gemeinsamkeiten.png 1133w, https:\/\/hinterdemnebel.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Gemeinsamkeiten-150x150.png 150w, https:\/\/hinterdemnebel.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Gemeinsamkeiten-300x300.png 300w, https:\/\/hinterdemnebel.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Gemeinsamkeiten-768x768.png 768w, https:\/\/hinterdemnebel.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/Gemeinsamkeiten-1024x1024.png 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 1133px) 100vw, 1133px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-905\" class=\"wp-caption-text\">(Quelle: eigene Zeichnung)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Identit\u00e4t wird durch die Abgrenzung erzeugt. Ein Christ wird die Trinit\u00e4tslehre niemals aufgeben, dann w\u00e4re er kein Christ mehr. Ein Jude kann Jesus Christus niemals als den Messias akzeptieren. Ein Muslim kann sich nicht zu den V\u00f6lkern des Buches (die Bibel) gesellen. Solange es diese Religionen gibt, werden sie sich in diesen Punkten, die aus ihrer Sicht weltbedeutend sind, unterscheiden. Es gibt deshalb heute Konflikte, und es wird sie immer geben. Selbst ich als Ungl\u00e4ubiger muss erkennen, dass die T\u00f6dlichkeit und Brutalit\u00e4t dieser Konflikte, im Rahmen der religi\u00f6sen Logik betrachtet, der Sache angemessen sind. Dies wird auch in ruhigeren Zeiten drohend \u00fcber der Gesellschaft h\u00e4ngen.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fccher arbeite ich f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit dem Notizblock (meist dem virtuellen) in der Hand durch. 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