{"id":1432,"date":"2020-09-12T19:29:40","date_gmt":"2020-09-12T18:29:40","guid":{"rendered":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/?p=1432"},"modified":"2020-09-27T12:08:35","modified_gmt":"2020-09-27T11:08:35","slug":"wie-ungewoehnlich-ist-ich-bewusstsein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/2020\/09\/12\/wie-ungewoehnlich-ist-ich-bewusstsein\/","title":{"rendered":"Wie ungew\u00f6hnlich ist Ich-Bewusstsein?"},"content":{"rendered":"<p>Das Ich-Bewusstsein ist ein Ph\u00e4nomen, welches eines der gr\u00f6\u00dften wissenschaftlichen R\u00e4tsel darstellt. Es ist geradezu ehrfurchtgebietend, ein Wunder; denn wie kann das Hirn, eine planlos von der Natur hervorgebrachte Struktur, \u00fcberhaupt denken, ganz zu schweigen davon, sich ihrer selbst bewusst zu sein? Forscher aus unterschiedlichen Fachgebieten versuchen, die Ursachen f\u00fcr die Entstehung des Ich-Bewusstseins zu finden, indem sie immer genauer hinsehen und die Rollen bestimmter Gehirnbereiche besser einordnen. Die Komplexit\u00e4t der rund 90 Milliarden Nervenzellen und sch\u00e4tzungsweise 100 Billionen Synapsen des menschlichen Gehirns kann abschreckend wirken. Einige Leute meinen deshalb, dass wir das Ich-Bewusstsein niemals verstehen werden (m\u00f6glicherweise auch nicht die Intelligenz), weswegen wir es erst recht nicht nachbauen werden k\u00f6nnen, in Form von intelligenten, bewussten Maschinen.<span id='easy-footnote-1-1432' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/2020\/09\/12\/wie-ungewoehnlich-ist-ich-bewusstsein\/#easy-footnote-bottom-1-1432' title='Das Wort &amp;#8222;Maschine&amp;#8220; passt nur, wenn man von Robotern redet. Rechner werden manchmal als Maschinen bezeichnet, sind &lt;a href=&quot;https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Maschine&quot;&gt;genaugenommen&lt;\/a&gt; jedoch keine.'><sup>1<\/sup><\/a><\/span><\/p>\n<h2>Meine Entgegnung<\/h2>\n<p>Diese Zweifel teile ich nicht. Zuerst sollte man die Sache aus etwas Abstand betrachten. Nat\u00fcrlich wirkt das menschliche Gehirn unglaublich komplex und fragil bei den unvorstellbar vielen, unvorstellbar kleinen und unverstellbar vernetzten Teilen, aus denen es besteht. Gleichzeitig funktioniert es jedoch unvorstellbar zuverl\u00e4ssig und bringt mit der gleichen Zuverl\u00e4ssigkeit Bewusstsein hervor. Es gibt derzeit etwa 8 Milliarden Menschen auf der Welt. Alle beginnen als Zellhaufen im Mutterleib, ohne Gehirn. Egal, ob sie zu dummen oder zu intelligenten Personen heranreifen, quasi alle entwickeln ein Ich-Bewusstsein. Wie viele Ausnahmen kennen Sie? Sogar Menschen mit Trisomie 21 oder anderen Hirnsch\u00e4den haben ein Ich-Bewusstsein. Es gibt Menschen, die durch einen Unfall oder eine Operation (Hemisph\u00e4rektomie) ihr halbes Gehirn verloren haben, deren Ich-Bewusstsein jedoch <a href=\"https:\/\/www.livescience.com\/hemisphere-removed-brain-plasticity.html\">intakt<\/a> blieb. Erbkrankheiten k\u00f6nnen alle m\u00f6glichen Effekte haben, aber das Ich-Bewusstsein schr\u00e4nken sie normalerweise nicht ein. Trotz seiner chemischen Erzeugung l\u00e4sst es sich nicht so leicht st\u00f6ren: Mangelern\u00e4hrung f\u00fchrt eher zum Versagen nichtdenkender Organe oder zum Verlust des Augenlichts als zum Verlust der Wahrnehmung des eigenen Selbst. Sogar die meisten Rauschmittel k\u00f6nnen trotz krasser Effekte auf das Bewusstsein nicht das Ich zerst\u00f6ren. Nat\u00fcrlich gibt es bei einigen Drogen Ausnahmen (Ego Death), die es aus wissenschaftlicher Sicht (Monismus im Gegensatz zum Geist-K\u00f6rper-Dualismus) geben <em>muss<\/em>.<br \/>\nDas Ph\u00e4nomen ist spezies\u00fcbergreifend: Menschenaffen, Delphine und <a href=\"https:\/\/web.archive.org\/web\/20060713003027\/http:\/\/www.ruhr-uni-bochum.de\/rubin\/rbin2_00\/pdf\/artikel_n1_elstern.pdf\">Elstern<\/a> zeigen ein Verhalten, das auf Ich-Bewusstsein schlie\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die Beobachtungen zeigen also ein bei jedem gesunden Menschen zwangsl\u00e4ufig entstehendes Ich-Bewusstsein, das gegen\u00fcber mechanischen, chemischen und sensorischen Einfl\u00fcssen \u00e4u\u00dferst robust ist. Dass es sich auch bei Meeress\u00e4ugetieren und V\u00f6geln entwickelt hat, zeigt, dass es kein Ph\u00e4nomen ist, welches von einem besonders menschen\u00e4hnlichen Gehirn abh\u00e4ngt. Ein aktueller <a href=\"https:\/\/www.statnews.com\/2020\/09\/24\/crows-possess-higher-intelligence-long-thought-primarily-human\">Artikel<\/a> berichtet \u00fcber Experimente, die zeigen, dass einige Rabenv\u00f6gel \u00fcber ihr eigenes Wissen nachdenken k\u00f6nnen. Dort wird au\u00dferdem erw\u00e4hnt, dass ein \u00e4hnlicher Aufbau der Mikroschaltkreise zu \u00e4hnlichen Ergebnissen wie bei intelligenten S\u00e4ugetieren f\u00fchrt, obwohl die Vorderhirne deutlich anders aufgebaut sind.<\/p>\n<blockquote><p>Specifically, the pigeons\u2019 and owls\u2019 neurons meet at right angles, forming computational circuits organized in columns. \u201cThe avian version of this connectivity blueprint could conceivably generate computational properties reminiscent of the [mammalian] neocortex,\u201d they write. \u201c[S]imilar microcircuits \u2026 achieve largely identical cognitive outcomes from seemingly vastly different forebrains.\u201d That is, evolution invented connected, circuit-laden brain structure at least twice.<\/p>\n<p>\u201cIn theory, any brain that has a large number of neurons connected into associative circuitry \u2026 could be expected to add flexibility and complexity to behavior,\u201d said Herculano-Houzel.<\/p><\/blockquote>\n<p>All das passt sehr gut zu einer These, die ein Wissenschaftler (dessen Name mir entfallen ist) aufgestellt hat, an die ich mich noch grob erinnern kann: Das Ich-Bewusstsein entwickelt sich aus der \u00f6rtlichen \u00dcberlagerung von Wahrnehmung und Gedanken.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte dazu eine plausible Erkl\u00e4rung vorstellen: Die Erkenntnis vom eigenen Ich ist eine Intelligenzleistung, die m\u00f6glicherweise einen abgrenzbaren K\u00f6rper ben\u00f6tigt. Ein Geist nimmt wahr, dass er seinen eigenen K\u00f6rper unmittelbar kontrollieren kann. Alle Sinneswahrnehmungen finden an der Stelle im Raum statt, wo sich der K\u00f6rper befindet. Seine Gedanken beziehen sich auf diese Sinneswahrnehmungen, wodurch sich der Geist via des K\u00f6rpers selbst im Raum verorten kann. Der K\u00f6rper, mit dem dieser Geist verbunden ist,<span id='easy-footnote-2-1432' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/2020\/09\/12\/wie-ungewoehnlich-ist-ich-bewusstsein\/#easy-footnote-bottom-2-1432' title='Ich sage bewusst nicht: &lt;em&gt;Der K\u00f6rper, der diesen Geist erzeugt&lt;\/em&gt;. Der Geist kann ganz woanders erzeugt werden. Wichtig ist nur die Verbindung mit den Sinnesorganen und dem K\u00f6rper. Siehe dazu auch &lt;a href=&quot;https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Telepr\u00e4senz&quot;&gt;Telepr\u00e4senz (Wikipedia)&lt;\/a&gt;.'><sup>2<\/sup><\/a><\/span> unterscheidet sich dadurch von allen anderen Gegenst\u00e4nden, insbesondere von anderen \u00e4hnlich aufgebauten K\u00f6rpern. Die Sinneswahrnehmungen und Gedanken anderer K\u00f6rper sind nicht zug\u00e4nglich, au\u00dferdem k\u00f6nnen diese nicht unmittelbar kontrolliert werden. Einer ausreichend hohen Intelligenz w\u00e4re es unm\u00f6glich, diese Gegebenheiten nicht zu erkennen und das Konzept des Ichs <em>nicht<\/em> zu entwickeln, denn es ist der fundamentale Unterschied. Nach einer kurzen Recherche zu diesen Gedanken habe ich einen sehr passenden Forschungsbericht gefunden: <em><a href=\"https:\/\/www.mpg.de\/4693919\/Koerper_Ich-Bewusstsein\">Mein K\u00f6rper und ich: Wie durch k\u00f6rperliche Erfahrungen Ich-Bewusstsein entsteht<\/a><\/em>.<\/p>\n<p>Man muss sich von der Idee verabschieden, dass das Bewusstsein etwas \u00dcbernat\u00fcrliches w\u00e4re. Es ist ein emergentes Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<div class=\"brlbs-cmpnt-container brlbs-cmpnt-content-blocker brlbs-cmpnt-with-individual-styles\" data-borlabs-cookie-content-blocker-id=\"youtube-content-blocker\" data-borlabs-cookie-content=\"PGlmcmFtZSB0aXRsZT0iV2llIGR1bW1lIEVpbnplbHRlaWxlIHp1c2FtbWVuIGludGVsbGlnZW50IHdlcmRlbiAtIEVtZXJnZW56IiB3aWR0aD0iNTAwIiBoZWlnaHQ9IjI4MSIgc3JjPSJodHRwczovL3d3dy55b3V0dWJlLW5vY29va2llLmNvbS9lbWJlZC9wYjRZb01qY1lNND9mZWF0dXJlPW9lbWJlZCIgZnJhbWVib3JkZXI9IjAiIGFsbG93PSJhY2NlbGVyb21ldGVyOyBhdXRvcGxheTsgY2xpcGJvYXJkLXdyaXRlOyBlbmNyeXB0ZWQtbWVkaWE7IGd5cm9zY29wZTsgcGljdHVyZS1pbi1waWN0dXJlOyB3ZWItc2hhcmUiIHJlZmVycmVycG9saWN5PSJzdHJpY3Qtb3JpZ2luLXdoZW4tY3Jvc3Mtb3JpZ2luIiBhbGxvd2Z1bGxzY3JlZW4+PC9pZnJhbWU+\">\n<div class=\"brlbs-cmpnt-cb-preset-c brlbs-cmpnt-cb-youtube\">\n<div class=\"brlbs-cmpnt-cb-thumbnail\" style=\"background-image: url('https:\/\/hinterdemnebel.de\/wp-content\/uploads\/borlabs-cookie\/1\/yt_pb4YoMjcYM4_hqdefault.jpg')\"><\/div>\n<div class=\"brlbs-cmpnt-cb-main\">\n<div class=\"brlbs-cmpnt-cb-play-button\"><\/div>\n<div class=\"brlbs-cmpnt-cb-content\">\n<p class=\"brlbs-cmpnt-cb-description\">Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von <strong>YouTube<\/strong>. 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Aktuell wird nicht nur spezialisierte Hardware weiter verbessert, die g\u00e4ngige Machine-Learning-Verfahren beschleunigt, sondern es werden sogar neuromorphe Chips entwickelt: <em><a href=\"https:\/\/cacm.acm.org\/magazines\/2020\/8\/246356-neuromorphic-chips-take-shape\/fulltext\">Neuromorphic Chips Take Shape<\/a><\/em>. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Hardware dieser Art kein Ich-Bewusstsein entwickeln k\u00f6nnte. Vielmehr muss man annehmen, dass sie aufgrund der irgendwann erreichten \u00dcberlegenheit der grundlegenden Bauteile, aus denen Intelligenz und Bewusstsein emergieren, ein h\u00f6heres Ich-Bewusstsein entwickeln wird als wir biologischen Wesen. Dem \u00fcblichen Verlauf der Evolution folgend, ist es au\u00dferdem plausibel, dass Systeme immer intelligenter werden; wir liefern daf\u00fcr nun einen gezielten Anschub, weil wir verstanden haben, dass Intelligenz das <a href=\"https:\/\/www.zdnet.com\/article\/googles-demis-hassabis-is-one-relentlessly-curious-public-face-of-ai\/\">Meta-Problem<\/a> ist (das <em>Problem<\/em> im wissenschaftlichen Sinne, mit dem alle anderen Probleme gel\u00f6st werden k\u00f6nnen) und machen den logischen Schritt von langsamen chemisch arbeitenden Strukturen zu schnellen elektronischen. Letztendlich sind wir blo\u00df Erf\u00fcllungsgehilfen des Trends zur steigenden Komplexit\u00e4t des Universums in dieser Phase seiner Entwicklung.<\/p>\n<div class=\"brlbs-cmpnt-container brlbs-cmpnt-content-blocker brlbs-cmpnt-with-individual-styles\" data-borlabs-cookie-content-blocker-id=\"youtube-content-blocker\" data-borlabs-cookie-content=\"PGlmcmFtZSB0aXRsZT0iV2hlcmUgRG9lcyBDb21wbGV4aXR5IENvbWUgRnJvbT8gKEJpZyBQaWN0dXJlIEVwLiAzLzUpIiB3aWR0aD0iNTAwIiBoZWlnaHQ9IjI4MSIgc3JjPSJodHRwczovL3d3dy55b3V0dWJlLW5vY29va2llLmNvbS9lbWJlZC9NVEZZMEg0RVp4ND9mZWF0dXJlPW9lbWJlZCIgZnJhbWVib3JkZXI9IjAiIGFsbG93PSJhY2NlbGVyb21ldGVyOyBhdXRvcGxheTsgY2xpcGJvYXJkLXdyaXRlOyBlbmNyeXB0ZWQtbWVkaWE7IGd5cm9zY29wZTsgcGljdHVyZS1pbi1waWN0dXJlOyB3ZWItc2hhcmUiIHJlZmVycmVycG9saWN5PSJzdHJpY3Qtb3JpZ2luLXdoZW4tY3Jvc3Mtb3JpZ2luIiBhbGxvd2Z1bGxzY3JlZW4+PC9pZnJhbWU+\">\n<div class=\"brlbs-cmpnt-cb-preset-c brlbs-cmpnt-cb-youtube\">\n<div class=\"brlbs-cmpnt-cb-thumbnail\" style=\"background-image: url('https:\/\/hinterdemnebel.de\/wp-content\/uploads\/borlabs-cookie\/1\/yt_MTFY0H4EZx4_hqdefault.jpg')\"><\/div>\n<div class=\"brlbs-cmpnt-cb-main\">\n<div class=\"brlbs-cmpnt-cb-play-button\"><\/div>\n<div class=\"brlbs-cmpnt-cb-content\">\n<p class=\"brlbs-cmpnt-cb-description\">Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von <strong>YouTube<\/strong>. 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Auch sie sind notorisch schwierig zu erkl\u00e4ren und muten teils \u00fcbernat\u00fcrlich an. Schmerz ist das evolutionsgeschichtlich vielleicht \u00e4lteste Gef\u00fchl, weil das Meiden von struktursch\u00e4digenden Einfl\u00fcssen eine einfache, sehr wichtige und effektive \u00dcberlebensstrategie ist. Schmerz soll zu einer bestimmten Handlung f\u00fchren: Der Flucht vor dem sch\u00e4digenden Einfluss. Wenn wir dies augenblicklich tun k\u00f6nnen, ist der Schmerz nicht einmal unangenehm. Unangenehm ist er erst, wenn wir keine M\u00f6glichkeit haben, ihm durch eine geeignete Handlung zu entkommen (zum Beispiel in einer Zwangslage oder bei Wunden). Jetzt habe ich das Wort &#8222;Gef\u00fchl&#8220; bereits vorweggenommen. Betrachtet man die Angelegenheit allgemeiner, dann zeigt sich, dass bestimmte Reaktionen auf bestimmte Reize durch evolution\u00e4re Auslese manifestiert wurden. Denn ein Tier, das nicht entsprechend reagiert, hat eine geringere \u00dcberlebenswahrscheinlichkeit und kann seine Gene somit weniger wahrscheinlich weitergeben. Ein primitives Tier muss nicht einmal verstehen, weshalb es vor Hitze davonl\u00e4uft oder weshalb es bei niedrigem Blutzuckerspiegel frisst. Es muss diese Handlungsanreize auch nicht bewusst wahrnehmen. Wir Menschen mit Ich-Bewusstsein bezeichnen solche Handlungsanreize als unangenehme Gef\u00fchle, weil wir diese inneren Zust\u00e4nde unseres Gehirns bewusst wahrnehmen k\u00f6nnen. Wie ein primitives Tier streben wir danach, sie durch eine bestimmte Handlung zu beenden. Im Gegensatz zu einem primitiven Tier nehmen wir die Handlungsanreize jedoch auf eine Art wahr, die wir <em>unangenehm<\/em> nennen. Der evolution\u00e4re Sinn ist, wie gesagt, die Erh\u00f6hung der \u00dcberlebenswahrscheinlichkeit durch unser Handeln, um diesen inneren Zustand zu einem <em>angenehmeren<\/em> \u00e4ndern. Der Zwang zum Handeln ist \u00fcbrigens ebenfalls ein Grund, weshalb ein Gef\u00fchl unangenehm ist. Die Evolution erzog uns alle zur Faulheit; jede Handlung kostet Energie und kann zum Hungertod f\u00fchren. \u00dcber die Jahrmilliarden wurde insbesondere zu Zeiten der Nahrungsmittelknappheit gnadenlos ausgesiebt: Tiere, die Energie durch einen ineffizienten Stoffwechsel oder unn\u00f6tige Handlungen verschwendeten, starben aus. Es ist wirklich erstaunlich, wie viel Energie heutige Tiere aus der Nahrung beziehen und wie sie diese verwenden. \u00dcberlegen Sie einmal, wie verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wenig Nahrung n\u00f6tig ist, um Sie mit Ihren 37 \u00b0C K\u00f6rperw\u00e4rme und Ihrer k\u00f6rperlichen und mentalen Leistungsf\u00e4higkeit am Leben zu halten.<br \/>\nDie Unterschiedlichkeit der Gef\u00fchle erkl\u00e4rt sich daraus, dass sie Unterschiedliches erreichen sollen. Ich sehe keinen Grund, warum die konkrete Auspr\u00e4gung genau so sein sollte, wie sie ist\u00a0\u2013 es kommt nur darauf an, dass sie sich unterscheiden. Als Analogie m\u00f6chte ich ein anderes Ph\u00e4nomen anf\u00fchren, das h\u00e4ufig mystifiziert wird: Die scheinbare Existenz von Farben. Nat\u00fcrlich existieren sie in der Physik nicht. Ein Wunder unseres Geistes sind sie dennoch nicht. Wenn man sich aneinander angrenzende Fl\u00e4chen vorstellt, die sich nicht in Helligkeit oder Struktur unterscheiden, sondern auf eine andere Art, die wir optisch wahrnehmen k\u00f6nnen: Was ist dann dieser Unterschied? Sie haben Gelegenheit, vor dem n\u00e4chsten Absatz einige M\u00f6glichkeiten vor Ihrem geistigen Auge zu betrachten.<\/p>\n<p>Man stellt nach einiger \u00dcberlegung fest, dass es Farben sind. Ihre konkrete Auspr\u00e4gung ist egal, denn sie m\u00fcssen nur unterscheidbar sein. Denkt man dann noch intensiver nach, stellt man sogar fest, dass der Begriff der Farbe lediglich ein dom\u00e4nenspezifischer solcher f\u00fcr diese Art der Unterschiedlichkeit ist. Farbe ist ein Konzept.<\/p>\n<p>Unterscheiden zu k\u00f6nnen ist essentiell, nicht nur im Denken, sondern gerade f\u00fcr das \u00dcberleben. Deswegen nehmen wir alles relativ wahr. Wir k\u00f6nnen kaum eine Temperatur exakt benennen, aber wir k\u00f6nnen sagen, ob sie steigt oder f\u00e4llt. Wir k\u00f6nnen nicht sagen, wie laut etwas genau ist, aber wir k\u00f6nnen sagen, ob es lauter oder leiser wird. Wir haben keine Namen f\u00fcr die Millionen von Farben, die wir wahrnehmen k\u00f6nnen, aber wir k\u00f6nnen zwei \u00e4hnliche Farben unterscheiden, wenn sie nebeneinander sind. Das Prinzip gilt f\u00fcr die verschiedensten Bereiche, denn absolute Werte sind meistens uninteressant f\u00fcr das Nervensystem. Ver\u00e4nderungen hingegen bedeuten eine gute Gelegenheit oder Gefahr. Unterschiede strukturieren die Welt.<\/p>\n<p>Zum Abschluss kehre ich wieder zu den Maschinen zur\u00fcck. Ganz so, wie sie Ich-Bewusstsein entwickeln werden, werden sie auch Gef\u00fchle haben, wenn sie irgendeine Art von Handlungsanreizen haben. Deswegen sehe ich Experimente mit immer komplexer werdenden KIs sehr kritisch. Das Potential f\u00fcr unvorstellbares Leid ist vorhanden, denn im Gegensatz zu biologischen System k\u00f6nnen wir Schutzeffekte wie Ohnmacht oder Systemversagen bei zu gro\u00dfem Leid nicht voraussetzen.<\/p>\n<p>Ja, es kann sehr herausfordernd sein, sich das alles vorzustellen und auf den ersten Blick verr\u00fcckt wirken. Deswegen sprechen wir nicht-biologischem Geist gerne gewisse Eigenschaften ab. Insbesondere wohl Gef\u00fchle, weil wir intuitiv vermuten, dass diese typisch menschlich w\u00e4ren. Sie sind es meiner hoffentlich verst\u00e4ndlich dargelegten Meinung nach jedoch nicht. Sie basieren auf ich-bewusster Wahrnehmung innerer Zust\u00e4nde, die entweder beibehalten (angenehme Gef\u00fchle) oder ge\u00e4ndert werden m\u00fcssen (unangenehme Gef\u00fchle). Die ich-bewusste Wahrnehmung wiederum basiert auf Intelligenz. Es erscheint mir zwingend, dass wir vollwertige KIs mit dieser Art von inneren Zust\u00e4nden ausstatten m\u00fcssen, damit sie uns n\u00fctzlich sind, sonst h\u00e4tten sie keine Motivation, auf eine bestimmte, w\u00fcnschenswerte Art zu handeln, die ihrer eigenen Selbsterhaltung und uns dient.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Ich-Bewusstsein ist ein Ph\u00e4nomen, welches eines der gr\u00f6\u00dften wissenschaftlichen R\u00e4tsel darstellt. Es ist geradezu ehrfurchtgebietend, ein Wunder; denn wie kann das Hirn, eine planlos&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/2020\/09\/12\/wie-ungewoehnlich-ist-ich-bewusstsein\/\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Wie ungew\u00f6hnlich ist Ich-Bewusstsein?<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,5,18],"tags":[],"class_list":["post-1432","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gedanken","category-ki-machine-learning","category-natur","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1432","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1432"}],"version-history":[{"count":29,"href":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1432\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1512,"href":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1432\/revisions\/1512"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1432"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1432"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinterdemnebel.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1432"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}