Die immergleichen Tagesschau-Berichte über Proteste und Gewalt können den Eindruck erwecken, die Proteste im Iran wären das übliche Geschehen im Nahen Osten, wo sich verschiedene Gruppierungen bekriegen oder Minderheiten abgeschlachtet werden. Der Iran ist jedoch kein ursprünglich islamisches Land, sondern wird seit 1979 im Rahmen der Kulturrevolution islamisiert. Die starken Einschränkungen der Freiheit, insbesondere der von Frauen, haben immer wieder zu Protesten geführt. Besonders bekannt sind die nach dem Tod von Mahsa Amini. Die neuesten Proteste sind ursprünglich durch wirtschaftliche Not ausgelöst worden, haben sich aber bald entschieden gegen die Mullah-Diktatur als solche gewendet. Die Stimmen von Iranern bieten einen Blick unter die Oberfläche. Der Verlauf ist bisher entmutigend.
Der Beginn
Zum ersten Mal seit Beginn der landesweiten Proteste bricht der Widerstand heute auch in Teheran aus. Die Hauptstadt schweigt nicht mehr. Das ist ein Wendepunkt. Wenn Teheran aufsteht, wankt das Regime.
Ein Video, das keine Gewalt oder Leichen zeigt, aber für einige Leute als das erschütterndste gilt, ist dieser Anruf der Tochter eines Kommandeurs (der Iranischen Revolutionsgarde oder regulären Armee) bei Manoto TV, einem in London ansässigen persisch-sprachigen Sender. Sie berichtet davon, dass sie an einem früheren Protest gegen das Regime teilgenommen hat. Sie und ihre Freundinnen wurden ins Gefängnis gesperrt, aber sie wurde als Tochter des Kommandeurs erkannt und freigelassen. Ihre Freundinnen wurden vergewaltigt. Von ihrem Vater wurde sie mit einem Schlagstock verprügelt, weil sie „zu weich“ sei. Er forderte sie bei den aktuellen Protesten auf, selber auf die Straße zu gehen, um dort Demonstranten zu töten. Verzweifelt wiederholt sie im Anruf, dass die Unterstützer des Regimes ihre eigenen Kinder töten. Derweil bereitet sich ihre Familie mit gefälschten Ausweisen und gepackten Koffern voller Geld darauf vor, im Ausland unterzutauchen.
Unter den schrecklichen Berichten darüber, wie das islamische Regime Demonstranten ermordet, ist dieser besonders erschütternd …
Ein Mann, der noch seinen Katheter angeschlossen hatte, mit einer einzigen Schusswunde in der Stirn.
Das islamische Regime stürmt Krankenhäuser, um verletzte Demonstranten aufzuspüren, und richtet sie hin.
Was mir diese letzten Tage gezeigt haben, ist, dass wir als Volk dieses Regime niemals allein stürzen können. 50, 60, 90 Millionen Menschen oder wie viele auch immer sind kein Gegner für 1 Million bewaffnete Kräfte mit Maschinengewehren. Sie haben uns niedergemäht wie Gras. Das ist nicht wie bei der Französischen Revolution, wo zwei Menschen mit Stöcken einen Soldaten mit einem Schwert besiegen konnten. Heute kann ein einziges Arschloch mit einem Maschinengewehr 200 Menschen töten, ohne auch nur ins Schwitzen zu kommen. Die Anzahl der Demonstrierenden ist jetzt irrelevant […].
Wir BRAUCHEN eine ausländische Intervention, sonst wird dieses Regime niemals verschwinden. Sie haben gezeigt, dass sie bereit sind, so viele Menschen zu töten wie nötig, um an der Macht zu bleiben, und sie haben genug Männer und Waffen, um das noch jahrzehntelang zu tun.
Und ich bin einfach müde. Ich bin müde davon, mein ganzes Leben unter diesem Regime zu leben, nichts anderes zu kennen als Krise, Tyrannei und ein Leben voller endlosen Stresses. Menschen im Westen haben keine Ahnung, wie es sich anfühlt, Schüsse auf den Straßen zu hören, die auf unschuldige, fliehende Menschen abgefeuert werden. Wie soll man sich jemals davon erholen, zu sehen, wie Körper zu Boden fallen? Und was ist mit den Familien, die losziehen müssen, um in riesigen Gruben voller Leichen nach den Körpern ihrer Liebsten zu suchen?
Ich habe früher geglaubt, dass Iran sich relativ schnell von der Islamischen Republik erholen könnte. Aber jetzt frage ich mich: Wie kann sich eine Nation von einem solchen Trauma überhaupt erholen?
Ich habe eine Sprachnachricht aus dem Iran bekommen, die ich aus Sicherheitsgründen hier verschriftlicht habe:
„Sag, dass von uns im Iran gar nichts mehr kommt, gar nichts. Sie töten uns einfach, sie sind über uns hergefallen. Sie haben so viele Menschen getötet, dass sich niemand mehr traut. Sie töten direkt mit Kugeln. Sie töten dich sofort. Sie fragen nicht, warum du da bist. Sie töten dich einfach.
Wir können im Iran nichts mehr tun. Es ist wirklich wie Selbstmord. Auf die Straße zu gehen ist wie Selbstmord. Es hat nichts mit Mut zu tun. Wer auf die Straße geht, ist über den Mut hinaus – das ist lebensgefährlich. Du gehst direkt und sie töten dich direkt.
Wir können uns in keiner Weise erheben, außer wenn man uns Waffen geben würde. Ich weiß nicht, ob wir überhaupt eine Chance hätten. Wenn nicht, wären hier alle verletzt oder tot. So viele wurden getötet.
Ich flehe euch an: Alles, was ihr tun könnt, tut es für uns. Ihr könnt der Welt zeigen, was hier passiert.
Versammelt euch vor den Botschaften. Bitte nutzt eure Wochenenden. Ich weiß, ihr seid beschäftigt, aber tut etwas, damit die Massen nicht kleiner werden. Euch tut niemand etwas. Niemand tötet euch oder verfolgt euch.
Wir hier haben nicht einmal den Mut, unsere Stimme zu erheben. Wir erkennen nicht einmal Freund oder Feind, wenn wir mit jemandem sprechen. Wenn ein falsches Wort fällt, erreichen sie unser Haus, bevor wir selbst dort ankommen.
Unsere einzige Hoffnung seid jetzt ihr. Wie es aussieht, tun die Amerikaner nichts. Unsere Hoffnung seid nur noch ihr.“
Der jüngste Bericht, den ich erhalten habe, von jemandem, der mit Quellen innerhalb der Regierung in Kontakt steht, deutet darauf hin, dass die regimeeigene Schätzung der Zahl der Getöteten 80.000 übersteigt.
„Bei einem Treffen, das mehrere Personen mit Mohsen Hashemi hatten, erklärte er Berichten zufolge, dass die Gesamtzahl der Getöteten auf Grundlage von Schätzungen der Militärkräfte über 80.000 liege.“
„Darüber hinaus sagen Ärzte, die derzeit Verwundete in Krankenhäusern behandeln, dass sich die Patienten in einem äußerst kritischen Zustand befinden und dass aufgrund des Mangels an Blut und medizinischen Versorgungsgütern ein hohes Risiko besteht, dass viele der Verletzten sterben werden. Leider steigen diese Zahlen weiterhin an.“
„Viele Verletzte haben außerdem Angst, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil sie eine Verhaftung befürchten, und Ärzte sowie medizinisches Personal äußern große Sorge um die Gesundheit und Sicherheit dieser Menschen.“
Ich kann etwas Kontext zum letzten Absatz geben. Die Sicherheitskräfte sind in Krankenhäuser gegangen und haben Verletzte in ihren Betten erschossen. Dazu gibt es nicht nur Berichte, sondern auch Bilder und Videos.
Die Lage war sogar noch hoffnungsloser, als ich dachte. Die meisten Protesttaktiken sind nutzlos, weil sie Scharfschützen auf den Dächern haben, und manchmal merkt man es erst, wenn jemand direkt vor einem tot zusammenbricht. Sie sehen dich immer, aber du siehst sie fast nie. Außerdem haben sie uns in den Nebenstraßen abgepasst. Zu viel Risiko für fast keinen Nutzen.
Vor den jüngsten Protesten gab es den Glauben, dass wir das Regime ändern könnten, wenn nur genug von uns auftauchen würden. Aber dieser Glaube ist jetzt verschwunden. Das nächste Kapitel wird höchstwahrscheinlich eine militärische Intervention oder ein Bürgerkrieg sein. Es gibt keinen anderen Weg.
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